Uli Auffermann über das Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet – heimliche Hauptstadt des Alpinismus

 

Klack, der Karabinerverschluss rastet ein! Das horizontal verlaufende, straff gespannte Stahlseil ist vertrauenswürdig und gibt die Möglichkeit, an der glatten Wand in

Gegendruck­technik weiterzukommen ... Die Sonne brennt, der Schweiß rinnt unter dem Helm hervor ... Der Klettersteig hat es in sich! Eine Via FERRATA in den Dolomiten, eine Szene an einem der neuen Sportklettersteige, wie sie in den Alpen anzutreffen sind? Nein, ganz falsch, wir befinden uns im Ruhrgebiet, im Ruhrpott, an den Betonmauern einer stillgelegten Eisenhütte. Heute heißt das Gelände rund um das Gewirr aus dem Stahl der Hochöfen, der Brücken, Rohre und riesigen Hallen „Landschaftspark Duisburg-Nord“, und mittendrin ist eine der größten künstlichen Outdoor-Kletteranlagen Deutschlands! Mit über 400 Routen an den ehemaligen Erzbunkertaschen verschmelzen hier Klettersport und Industrierelikt zu einer einzigartigen kulturellen Symbiose.

Das Ruhrgebiet also die heimliche Hauptstadt des Alpinismus? Klar, ein wenig überzogen und lustig gemeint – und sicher auch nicht mit den großen Bergsteigerzentren vergleichbar –, ist da dennoch etwas dran. Denn was sich wenige vorstellen können: Im Revier, im großen Schmelztiegel der Nationalitäten, leben Menschen, die von jeher einen starken Bezug zur Natur hatten. Nachvollziehbar, denn vormals mussten sie unter ohrenbetäubendem Lärm, bei schlimmster Luftverschmutzung und härtesten Arbeitsbedingungen malochen. Vor Kohle, Hunderte Meter unter der Erde oder beim Abstich an glühendheißen Hochöfen. Logisch, dass die Sehnsucht nach sauberer Luft, nach Stille, nach Farben und liebreizenden Landschaften besonders ausgeprägt war. Kein Wunder also, dass es eine starke Kultur des Draußenseins gibt, des Unterwegsseins, des Wanderns und eben auch des Bergsteigens und Kletterns. Und wie weit diese Kultur zurückreicht, zeigt allein die Tatsache, dass sich Gleichgesinnte schon früh zusammentaten! In Alpenvereinssektionen beispielsweise. So auch in Essen, deren Sektion bereits rund 130 Jahre besteht. Na, und wo wird geklettert? Am hauseigenen Klettergarten am Isenberg bei Hattingen – womit wir schon bei der nächsten traditionsreichen Institution wären!

Aber der Reihe nach. Gehen wir mal zurück etwa zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals kochte der „Pott“ im wahrsten Sinne des Wortes. All überall wurde Kohle gefördert, um daraus Koks zu erzeugen und damit wiederum Stahl. Kaum ein Ort, wo es nicht zischte, dampfte, dröhnte. Speziell in den großen Städten entlang der Ruhr. In Essen, Bochum, aber ganz besonders auch in Dortmund. Und dort saß in einem altehrwürdigen Gymnasium als Pennäler ein blasser, eher zarter junger Mann, der einmal zu den wichtigsten Kletterern in der Geschichte des Alpinismus werden sollte. Hier träumte er vom Licht der Berge, vom blauen Himmel über hellen Kalkwänden. Sein Name: Hans Dülfer. Ja, Hans Dülfer, der später seine so richtungsweisenden Spuren vor allem im Wilden Kaiser hinterließ. Er also hatte seine Wurzeln im Revier. Ob er schon damals auch im Ruhrgebiet kletterte ist spekulativ. Jedenfalls gibt es Funde von Haken, die vom Grad ihres Verfalls her locker in jenen Jahren hätten geschlagen worden sein können, allerdings so wenige, dass sie wohl kaum für einen Mauerhakenstreit hergehalten hätten, wie er seinerzeit dann in München zwischen Befürwortern und Gegnern ausgetragen wurde.

Gelegenheit zum Klettern hätte Hans Dülfer aber schon gehabt. Zum Beispiel an den zu seiner Heimatstadt Dortmund gehörenden Sandsteinfelsen unterhalb der Hohensyburg, hoch über der Ruhr gelegen, oder etwa im nahen Hönnetal bei Menden am Rande des Ruhrgebiets. Da, wo der Fels aus kompaktem, festen Kalk an das Gestein des Wilden Kaisers erinnert.

Wie auch immer und wo auch immer Hans Dülfer im Ruhrpott womöglich schon „heimlich“ kletterte – andere taten es mit breiter Brust und erschlossen sich systematisch ihre Möglichkeiten im Revier. Waren es bis zum Zweiten Weltkrieg sicherlich eher noch die Taten von wenigen Unentwegten, so darf man nach dem Krieg und vor allem ab den 1950er Jahren von echtem Aufbruch sprechen. Viel hatte es mit der nun verbesserten Mobilität zu tun, denn Autos und Motorräder konnte sich zunehmend auch der Arbeiterstand im dynamisch anziehenden Wirtschaftswunder leisten. Man wollte ins Gebirge, nach Bayern und Tirol, ans Licht, in die klare Gebirgsluft. Und wer dort Blut geleckt hatte, wer kletternd und steigend sehnsuchtsvoll nach den Gipfeln schaute, der brauchte ebenso fern der Berge ein Spielfeld. Von nun an wollten die passionierten Alpinisten auch über das Jahr hin ihrer großen Leidenschaft nachgehen, vor allem aber suchten sie Trainings- und Übungsmöglichkeiten, um beim nächsten Urlaub ihr bergsteigerisches Know-how zu verbessern oder sich in guter Form zu halten. Also, die Felsen waren Trainingsstätten und Linderung des Leids zwischen den Bergurlauben. Kein Wunder, dass die Namen der Kletterführen bisweilen in dieser Hinsicht verheißungsvolle Namen trugen – da gab es die Via Trento, einen Dülfer-Riss oder eine Buhl-Gedächtnis-Führe.

Vor allem das Hönnetal avancierte zu einem bevorzugten Kletterdorado für Ruhrgebietler. Und insbesondere die extremen Felsgeher fanden hier optimale Bedingungen für die Vorbereitung auf ernste Touren in den großen Wänden der Alpen. Pionier des Hönnetals ist der aus Bochum stammende Wolfgang Heckmann. Er erinnert sich: „Ein kleiner Kreis von Gleichgesinnten traf sich an den freien Wochenenden und begann mit der Eröffnung von Touren durch die noch unberührten Wände. Allgemeiner Treffpunkt war für die Kletterer der große Mühlstein vor der damals noch in Betrieb befindlichen Gaststätte Honert. An diesem besagten Tisch mit der Mühlsteinplatte wurde so manche Diskussion über Sinn des Bergsteigens oder über die Bewertung einer neuen Tour ausgefochten und so mancher halber Liter hinuntergespült.“ Heckmann lernte das Klettern im Frankenjura kennen und kam schnell auf den Geschmack. „Wir haben doch zu Hause auch Felsen“, fiel ihm dann ein. 1955 war das, als er zum ersten Mal ins Hönnetal fuhr. Kein Kletterer weit und breit, bis noch drei Hagener zu ihm stießen. Einer davon, Gerd Sander, wurde Kletterpartner auch in den Alpen. Es gab wohl keine Seilschaft in NRW, die so schwer und so viel geklettert ist: „Alles, was schwierig war vom Montblanc-Gebiet bis zu den Dolomiten, haben wir gemacht.“ Der umtriebige Heckmann drehte mehrere Abenteuer-Filme für den WDR, fuhr mit dem Fahrrad bis zum Nordkap und quer durch Lappland und blieb bis ins hohe Alter ein beseelter Outdoorsportler. „Ohne klettern kann ich nicht leben, ich habe auf meinem Grundstück sogar eine private Kletterwand.“

Noch sind wir in der Zeit des Abenteuerkletterns – orientiert auf möglichst hohe, dunkle Nordwände, so auch im Revier! Mit schweren Schuhen bewehrt, trigenäht, mit Kniebundhose und umfangreicher Schlosserei – selbst wenn die Route im Klettergarten kaum zehn Meter hoch war. Alles wurde ausgerichtet auf Fahrten ins Gebirge. Gab das Ganze manchmal auch ein groteskes Bild ab, so steckte etwas durchaus Vernünftiges dahinter. Man lernte den Umgang mit der Ausrüstung, trainierte die teilweise gewöhnungsbedürftigen Manöver beim Steigen mit Trittleitern, automatisierte das Verhalten beim Abseilen, bei Rückzügen und Rettungsmaßnahmen. Alles wurde genutzt, Felsen, steile Hänge, alte Steinbrüche, ja selbst die überall noch vorhandenen Abraumhalden, Monte Schlacko genannt, mussten gelegentlich zum Üben für das Gehen mit Steigeisen und Eispickel herhalten.

Dann die große Freikletterrenaissance der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, die natürlich auch vor dem Ruhrgebiet nicht halt machte. Eine bis dahin ungeahnte „Leichtigkeit des Seins“ hielt im Kohlenpott Einzug. Kreativität, die Lust am Ausprobieren und die Idee, dass man sich eigentlich an allem festhalten kann, schafften ein völlig neues Klima. Die Hosen bunt und eng, an den Füßen EBs, die Haare lang und die Gedanken ohne Zensur – das waren die Zutaten für eine Leistungsexplosion. Alle Routen wurden nunmehr frei geklettert und neue erschlossen, leider aber gleichzeitig die örtlichen Gegebenheiten immer mehr eingeschränkt. Verbote und komplette Felssperrungen bedrängten die Akteure. Das tat dem Enthusiasmus keinen Abbruch, steigerte sogar noch die Fähigkeit, sich beharrlich neue Möglichkeiten zu erschließen. Und dann war da ja noch der Isenberg, der sich überregional einen Ruf als ausgezeichnetes Kletter- und Boulderareal erwarb. Hartmut Eberlein, er verfasste den Alpenvereinsführer Montblanc und ist ein ausgewiesener Kenner dieser Gebirgsregion, war der Boulderer der ersten Stunde im Isenberg. Von den altvorderen Hakenrasslern heimlich „Putzer“ genannt, weil er schon damals mit Lappen und Zahnbürste diffizile Stellen reinigte, die auch heute noch zu den raffiniertesten Boulderkreationen im Isenberg zählen. Auch Norbert Wieskotten hinterließ seine Spuren mit tollen Erstbegehungen, und Hartmut Blasczyk kletterte an der spektakulären Dachl-Kante einen echten Neuner! Bernd Weißgerber, Matthes Kerkmann und Thomas Fischer gehörten neben anderen zu denen, die vom Ruhrgebiet aus die berühmten Routen in den Alpen stürmten. Thomas Fischer: „Klar waren wir genervt, dass es immer weniger Naturfelsen zum Austoben gab, aber dadurch, dass wir gezwungen waren, an allem Möglichen herumzusteigen, an Mauern, Brücken oder alten Gebäuden, an brüchigem, verdreckten Fels, machte es uns sehr stark und sicher in nahezu jedem Gelände!“ Kein Zweifel, viele von ihnen waren an den härtesten Sportkletterrouten wie an den großen ernsten Wänden der Alpen erfolgreich. Am Walkerpfeiler wie in Verdon, an der Eiger-Nordwand wie in Buoux, in der Dru-Westwand wie im Velebit.

Nach wie vor ist im Pott, in dem gewaltigen Ballungsraum die Kultur des Kletterns und Bergsteigens ungebrochen. Und die Climber des Reviers bleiben erfindungsreich im Erschließen neuer Kletterwege, auch wenn so manche Perle nur ein kurzes Dasein fristete, wie der riesige Schornstein im Landschaftspark Duisburg-Nord, der gerade einmal eine einzige Begehung hatte – die allerdings von keinem Geringeren als Stefan Glowacz. Auch das gigantische, 27 Meter lange künstliche Kletter-Dach mit einer Neigung von 45 Grad an der Gruga Halle in Essen (1996 wieder abgebaut) war so schnell legendär wie die Rolling Stones, die am selben Standort eine frühere Generation in Verzückung versetzten.

 

Heute findet man flächendeckend großangelegte Hallen und künstliche Outdooranlagen. Und dass hier in der Region richtig gute Leistungsträger hervorgebracht werden, zeigen z.B. Juliane Wurm und Jonas Baumann, die beide in die Weltspitze vordringen konnten. Ach ja, wir hatten sogar eine Buildering-Weltmeisterschaft, und im Isenberg wird nach wie vor geklettert. Zu hören ist auch, dass sich ganz Unentwegte immer wieder aufmachen, Boulderspots im Pott zu finden, an denen sich Neues ausprobieren lässt. Alles in allem unterscheidet sich klettern im Ruhrgebiet nicht mehr von den Zentren in südlicheren Gefilden Deutschlands! Oder doch? Die Kulisse ist zugegeben nicht immer unter weißblauem Himmel, wohl eher bisweilen von skurril-morbidem Charme. Und nach den harten „Moves“ greift man doch selten zu Weizen und Weißwurst, sondern nimmt Currywurst mit Pommes und zischt ein herbes „Pilsken“!

Mehr Infos über den Autor und seine Bücher gibt es unter: http://www.uliauffermann.de/

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